Angesichts dessen fordern MdB Karl Bär, MdB Lisa Badum und MdB Leon Eckert aus der grünen Bundestagsfraktion:
Wenn Preise und sogar die Verfügbarkeit von Lebensmitteln beherrschbar bleiben sollen, muss die Herstellung von Lebensmitteln in Deutschland resilienter werden. Resilienz ist die Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren und bei Störungen nicht völlig zusammenzubrechen, sondern zu Stabilität zurückzukehren.
Resilienz, das Wirtschaften in ökologischen Kreisläufen und Regionalität gehören seit jeher zum bäuerlichen Denken. Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurde die Produktion von Lebensmitteln in Deutschland auf Effizienz getrimmt. Heute ist Landwirtschaft abhängig vom Zukauf von Energie, Dünger, Chemikalien, Saatgut, Futter und teils sogar Tieren von global tätigen Unternehmen. Agrarökosysteme werden in ein enges Korsett gezwängt, um mit vielen Inputs hohe Erträge zu liefern und zugleich ist in den Betrieben jedes Jahr finanziell auf Kante genäht. Mit Blick auf die kommenden ökologischen Katastrophen und die geopolitische Lage können wir uns das nicht mehr leisten.
Ökologischere Landwirtschaft ist resilienter
Die ökologische Landwirtschaft ist unabhängig von Kunstdünger aus fossilem Erdgas und importiertem Phosphor, von Pestiziden und von Futtermitteln aus Übersee. Wo Landwirtschaft die Artenvielfalt fördert, gesunde Böden aufbaut und Bäume auf Äcker und Wiesen pflanzt, entstehen Puffer. Sie helfen bei Dürren gegen zu viel Verdunstung und leiten bei Überschwemmungen Wasser in den Boden, halten Schädlinge in Schach und sichern unter verschiedensten Umständen die Bestäubung und die Versorgung von Pflanzen mit Wasser und Nährstoffen. Die Regierung muss die Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft zum Leitbild für die gesamte Landwirtschaft machen. Staatliche Stellen sollten bevorzugt ökologische Ware kaufen.
Regionale Versorgung ist resilienter
Wenn nur wenige, große Betriebe Lebensmittel verarbeiten, kann ein Ausfall von einzelnen kaum kompensiert werden und führt zu Versorgungsengpässen und großen Preissprüngen. Regionale Strukturen mit vielen kleinen und mittleren Betrieben und kurzen Versorgungswegen sind stabile Abnehmer für die Landwirtschaft. Und wenn eine mittelständische Mühle oder ein Handwerksbäcker ausfällt, bricht nicht gleich die Brotversorgung von fünf Million Menschen weg. Die Regierung muss regionale Wertschöpfungsketten besonders fördern. Staatliche Stellen sollten bevorzugt von regionalen Betrieben kaufen.
Die Landwirtschaft kann sich selbst mit Energie versorgen
Diesel für Traktoren und Dünger, der aus Erdgas hergestellt wird, machen die Landwirtschaft heute abhängig von fossiler Energie. Dabei wird gerade auf landwirtschaftlichen Betrieben viel erneuerbare Energie produziert. Stickstoffsammelnde Pflanzen in der Fruchtfolge können als Gründüngung oder nach der Nutzung in einer Biogasanlage oder dem Magen von Tieren selbst produzierten Dünger liefern. Die Regierung muss erneuerbare Energien auf Bauernhöfen weiter fördern und in elektrische Traktoren investieren, die mit vor Ort produziertem Strom statt mit Erdöl aus Saudi-Arabien fahren. Das Düngerecht muss dazu beitragen, dass Nährstoffkreisläufe geschlossen werden und die Abhängigkeit von Kunstdünger und Nährstoffimporten sinkt.
Digitalisierte Landwirtschaft braucht Cyber-Sicherheit
Die Landwirtschaft gehört zu den digitalisiertesten Wirtschaftsbereichen. Teure, moderne Traktoren oder Stalltechnik arbeiten vernetzt und datengestützt. Infolgedessen sind Cyberangriffe auf die Landwirtschaft ein reales Risiko. Bei Technik und Software muss verhindert werden, dass es zu großflächige Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Herkunftsländern gibt. Cyberresilienz erfordert harmonisierte Sicherheitsstandards, verpflichtende Risikoanalysen, Notfallprotokolle sowie redundante digitale Systeme für kritische Prozesse. Zudem sollten landwirtschaftliche Betriebe und Logistik stärker bei IT-Sicherheit unterstützt werden, da gerade kleine und mittlere Unternehmen zentrale, aber oft schlecht geschützte Knotenpunkte der Versorgungskette darstellen.
Entwicklungszusammenarbeit schützt unsere Importe
Nicht alles kann und soll vor Ort in kleinsten regionalen Kreisen produziert werden. Kakao, Kaffee oder Bananen wachsen nicht einmal in Europa. Und im Krisenfall wollen wir auf Importe aus Regionen der Welt setzen können, die gerade keine Krise erleben. Daher dürfen wir nicht nur darauf achten, dass wir in unseren Regionen, Deutschland und Europa stabil Nahrung produzieren können, sondern sollten dabei helfen, die Lebensmittelproduktion in ärmeren Weltregionen zu stabilisieren. Die Regierung muss die Entwicklungszusammenarbeit ausreichend finanzieren und landwirtschaftliche Projekte anhand der 13 Prinzipien der Agrarökologie* ausrichten, z.B. über Kooperation mit internationalen Organisationen wie der FAO.
Ernährungssouveränität bedeutet Umbau
Wer die Ernährungssouveränität – also die Selbstbestimmung über die eigene Ernährung – sichern will, muss die Landwirtschaft an vielen Stellen umbauen. Ökologische Kreisläufe, regionale Versorgung und Unabhängigkeit der Landwirtschaft müssen Vorrang haben vor den Interessen der Agrarindustrie, die an der Landwirtschaft verdient.
Die schwarz-rote Bundesregierung macht das Gegenteil: Sie kürzt bei der ökologischen Landwirtschaft und regionalen Wertschöpfungsketten und fördert stattdessen den Export zum Weltmarktpreis. Sie hofft darauf, dass im Düngerecht alles so weitergehen kann wie vor zehn Jahren. Sie drängt die mittleren Akteure wie landwirtschaftliche Betriebe aus der Energiewende und betreibt Kahlschlag bei der Entwicklungszusammenarbeit.
Diese Bundesregierung hat so viel Angst vor Veränderung, dass die Ernährungssouveränität gefährdet. Im Extremfall heißt das: Die Lebensmittel-Versorgung ist in Gefahr. Wir können es uns nicht leisten, einfach nur zu hoffen, dass dieser Extremfall nicht eintritt.
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*Die Agrarökologie ist ein u.a. von der Welternährungsorganisation entwickeltes Konzept, das zum Ziel hat, die Agrar- und Ernährungssysteme ökologischer, gerechter, selbstbestimmter, unabhängiger, regionaler und daher wirtschaftlich tragfähiger und krisenfester zu gestalten.
Dabei sollen diese 13 Prinzipien umgesetzt werden:
Lebensmittelversorgung in Deutschland krisenfest und unabhängig gestalten: https://dserver.bundestag.de/btd/21/066/2106663.pdf
Katastrophenschutzfällen – Zusammenarbeit ermöglichen: https://dserver.bundestag.de/btd/21/066/2106662.pdf
Lebensmittelhandwerk erhalten – Vielfältige und krisenfeste Ernährungsversorgung sicherstellen https://dserver.bundestag.de/btd/21/066/2106664.pdf